48 Stunden Neukölln 2015

Projekte am Puls der Zeit

48 Stunden Neukölln | Festivalbeitrag

 
Präsentation der mehrteiligen Installation des Berliner Künstlers Tarik Mustafa überwindet erstmals die Grenzen von Neukölln
 
Der Pulszeit e.V. präsentiert die mehrteilige Installation „Heartbeat Bridge“ des deutsch-sudanesisch-ägyptischen Künstlers Tarik Mustafa im Rahmen des Festivals „48 Stunden Neukölln“. Mit dieser Installation überschreitet ein Beitrag des Festivals erstmals die Grenzen Neuköllns.
 
„SOS – Kunst rettet die Welt“ – ein starkes Thema des diesjährigen Festivals. Muss die Welt gerettet werden? Ist die Welt überhaupt zu retten? Wenn ja, wie und von wem?
 
Die Herzschlag-Brücke ist ein Antwort-Versuch in zweierlei Hinsicht:
 
I.
In einer sich global vernetzenden Welt widmet sich Tarik Mustafa mit seiner mehrteiligen Installation aus Aktenordnern dem Thema der Ordnung – der Guten wie der Überordnung, der Grenzen, der Grenzüberschreitung und der Menschlichkeit.

Die Ordner symbolisieren die Situation, in der sich die meisten Menschen befinden: ein Leben als User, einge*bett*et zwischen 2 Akt*ende*ckeln. Ein abgehefteter V*organ*g, ein Verw*alt*ungsakt.

Die Menschen werden behütet und haben sich in dieser geordneten Nische bequem eingerichtet. Nichts stört diese Ordnung. So lange, so gut.

Doch immer mehr Erschütterungen bringen die Ordnung ins Wanken: eine Krise löst die nächste Krise ab. Weltfinanzen, Euro, Ukraine, Flüchtlinge, Klimawandel.

Woher kommt das alles plötzlich? Hat diese Wellen niemand kommen sehen? Sind die Administratoren nur noch Krisenmanager, die die Krisen für ihre Existenzberechtigung brauchen?
 
II.
Gleichzeitig bestehen Schranken, Regeln, Anweisungen, Ver*ordnung*en, Gesetze als Tools, mit denen Krisen gemanagt werden. Sind die Manager nur noch Bürokraten, die die Ordnung als Damm überhöhen, um von der Welle nicht weggespült zu werden?
 
Artikel 22 UN-Menschenrechtserklärung
 
Die Installation, die in der Reuterstraße 36 beginnt und über die Lenaustraße fortgeführt wird, stößt am Kottbusser Damm an Grenzen – sowohl von Neukölln, als auch des 48-Stunden-Festivalgebietes.

Und überwindet sie: der letzte Teil der Installation ist auf der Kreuzberger Seite des Kottbusser Damms zu finden im Pulsraum, dem Kunstraum des Vereins.
 
Über den Künstler
 
Tarik Mustafa lebte bis 2010 in Neukölln im Kunsthaus „L32“ (Lichtenrader Straße 32), einem der ersten „UFOs“, die Neukölln in dieser Zeit beherbergte. Kunst und Kultur waren treibende Motoren des Hauses. Es steht in einer Gegend, die damals zu einer der ärmsten Berlins gehörte und in der es noch viele freie Parkplätze für Autos gab, die sich jedoch niemand leisten konnte.

Heute ist das Kunsthaus gleichsam Opfer einer Ordnungs-Bewegung, die scheinbar immer nach dem gleichen Schema abläuft:
 

  • Brache
  • Unordnung
  • Ungleichgewicht
  • kreative Pioniere
  • wirtschaftliche Belebung des Ortes
  • Freiraum für persönliche Entfaltung
  • Anziehungskraft
  • Balance
  • Ordnung
  • Verdrängung

 
Kunst ist damit auch die Ursache von Ordnung, deren Opfer sie gleichzeitig ist. Kunst muss Grenzen überschreiten, damit der ewige Kreislauf von Neuem beginnt.

Ewiger Kreislauf? Kunst muss Grenzen überwinden und auflösen, um Entwicklung zu ermöglichen. Es sind jedoch in erster Linie die Menschen, die durch ihr aktives Handeln die Welt retten können – wenn sie wollen.

Aufgabe von Kunst ist es, eine Motivation hierfür zu geben – oder Handlungsempfehlungen, damit beginnt sie zu leben und damit rettet Kunst die Welt!

SOS Raus aus Neukölln ~ Rein in die Welt.
 
Über das Festival
 
1999 wurde das Festival erstmals durchgeführt von in Neukölln lebenden Künstlern, die nichts von der „Endstation Neukölln“ hielten. In der Zwischenzeit haben Tausende Künstler die Vielfalt von Soziokultur gezeigt. Die ersten Jahre waren gekennzeichnet durch eine wohltuende Unordnung und eine riesige Bandbreite von gelebter und erlebbarer Kunst.

Aber auch hier konnte sich das Festival einer Ordnungs-Bewegung nicht entziehen: früherer Charme von Freiraum ist gerade in den letzten Jahren immer geordneteren Verhältnissen gewichen. Nur noch relativ wenige, zur Steigerung der „Qualität“ *aus*gesuchte, Künstlerinnen und Künstler dürfen sich beteiligen.

Wie auch der Berliner Senat, der sich mit großzügigen 50.000 EUR an einem Herzstück von Grassroots-Kultur beteiligt (zum Vergleich: für den gleichen Betrag werden ca. 190 Tickets der Staatsoper subventioniert) und sich dafür feiern lässt. Dafür darf man dann wohl dankbar sein, wie im übrigen auch „der Polizei und dem *Ordnungs*amt“ (Zitat der Organisatoren auf letzten Pressekonferenz).

Wer dankt den Künstlerinnen und Künstlern, die bis heute unentgeltlich dafür sorgen, dass aus Neukölln doch keine Endstation geworden ist?